Text von Christian Platz
Fotos von Samuel Bramley
Matthäus 9,1, Lutherbibel
FLOSS auf grosser Fahrt. Nur das Mastlicht leuchtet in dieser dunklen, windlosen Tropennacht. Keine Sterne am Himmel, die See ist schwarz, glatt und ruhig. Daheim, am Rhein, ist jetzt Winter.
Da plötzlich ein zweites Licht in der Dunkelheit: ein Streichholz. Der Kapitän, an den Mast gelehnt, zündet seine Pfeife an. Ein kurzes, aber massives Flossenflappen aus dem Ozean drängt sich in die nächtliche Ruhe.
«Wird wohl wieder ein Seeungeheuer sein. Du weisst nie, was dich in der Tiefe unter der Oberfläche erwartet. Aber man kann sich dran gewöhnen», sagt das Es unter der Kapitänsmütze. Für den alten Seebären ein beruhigender Gedanke.
Er erinnert sich an den grausamen Kampf mit jenem Leviathan, den die FLOSS-Besatzung damals nur knapp überstanden hat, als es galt, eine seltene Musik von jener einsamen Insel zu holen, die auf keiner Seekarte verzeichnet ist, um sie dem Publikum zu bringen, das sich im Sommer unten am Kleinbasler Rheinbord versammelt.
Ach, die langen Fahrten. Ach, die wilden Abenteuer auf der Suche nach dem besten Tongut. Und dann das triumphale Andocken im Heimathafen: Die Fracht wird vor den staunenden Landratten abgeladen, drei Wochen lang, Stück für glänzendes Stück.
«Das ist Leben …», sagt der Kapitän leise in die Nacht hinein, «… das ist Liebe.»
Die Pfeife ist erloschen. Der Kapitän begibt sich in seine Koje, legt sich hin und träumt. Von wunderschönen Klabauterfrauen, die sich am Rheinbord biegen und wiegen, im Wind der Musik.
Weidling